Published On: Di, Nov 11th, 2014

Das subtile Ressentimentschüren der Hanar Marouf

Hanar Marouf (Screenshot YT-Video)

Hanar Marouf (Screenshot YT-Video)

[D]ie junge kurdische Aktivistin Hanar Marouf behauptete kürzlich auf einer Konferenz der “One Young World” in Dublin, dass in den meisten Fällen die aus der IS-Gefangenschaft freigekommenen ezidischen Frauen und Mädchen von ihren Familien als Schande betrachtet und sie daher von ihnen verstoßen würden. Sehr viele Print- und Fernsehberichte (1, 2, 3, 4) vermitteln aber ein gegenteiliges Bild, bis jetzt ist kein Fall einer Verstoßung bekannt geworden. Auch alle führenden Eziden machen sich für die Rückkehr und Hilfe der ezidischen Frauen und Mädchen stark und hoffen, dass so schnell wie möglich alle aus der IS-Gefangenschaft befreit werden und zurückkehren. Die Entführungen der Frauen, Mädchen und Kinder traumatisieren die ezidische Gemeinschaft in einem besonderen Ausmaß, wie Flüchtlinge und Betroffene immer wieder zum Ausdruck bringen. Schließlich sind derartige Entführungen und Versklavungen Teil der Jahrhunderte währenden Verfolgung der Eziden. Ezidische und nicht-ezidische Aktivisten, die sich seit dem ersten Tag mit dieser Problematik befassen, haben Hanar Marouf für ihre Aussagen gerügt und diese als „Lüge“ bezeichnet. Darunter etwa Nareen Shamo, Menschenrechtsaktivistin in Südkurdistan, Dr. Said Shingali oder etwa Dr. Hawar Moradi. Diese Äußerungen von Hanar Marouf veranlassen mich, einen ganz besonderen Missstand in der kurdischen Gesellschaft und deren Hintergründe näher zu beleuchten.

Eziden lebten jahrhundertelang unter der Rechtsordnung der Scharia. Kurden waren in dieser Zeit als Muslime Teil der Umma (islamischen Nation) und Eziden galten als Kuffar (Kuffar ist die extrem abwertende Bezeichnung für Nicht-Muslime). Nach der Scharia darf eine muslimische Frau keinen Ungläubigen heiraten. Einem muslimischen Mann ist es erlaubt, eine Ungläubige zu heiraten, deren Kinder gelten dann aber laut der Scharia von Geburt an als Muslime. In der Praxis aber wurden schon die Frauen zur Annahme des Islam gezwungen. Oft wurden ezidische Frauen von Muslimen entführt und in einen Harem gezwungen (s. Guest, 1993, S. 97; Menzel; 1997, S. 416 f.; Menant; 1892, S. 188ff.; Gölbaşi; 2008, S. 43 usw.). Eine Entführung wurde nicht als verwerflich angesehen, wurde doch die Frau auf den Weg der “wahren Religion” gebracht. Amnesty International schreibt ebenfalls in einem Gutachten bezüglich der Entführung êzîdîscher Mädchen und Frauen: “Jesidinnen gelten als „Freiwild“ oder sollen aus dem „Unglauben“ befreit werden”. Amnesty International bezieht sich wohlgemerkt auf die heutige Situation.  Ezidische Männer durften nach der Scharia keine muslimischen Frauen heiraten. Taten sie es doch, wurde das von den Muslimen als Verleitung zum Unglauben angesehen, worauf die Todesstrafe folgte. Auch ohne weiteres darf ein Muslim nicht eine andere Religion annehmen. Gegenläufige Tendenzen wurden – religiös legitimiert – gewaltsam verhindert. Auf diese Weise sollten Angehörige anderer Religionen – wie Eziden und Christen – schrittweise islamisiert werden. Diese Spannungssituation birgt immerwährendes Konfliktpotenzial in sich, Religion wurde oft Anlass oder gar Ursache blutiger Überfälle auf religiöse Minderheiten.

Unter der Scharia konnten Eziden nur durch gesellschaftliche Selbstschutzmechanismen ihre kollektive ezidische Identität bewahren, in dem sie sich gesellschaftlich nach außen isolierten. Einer dieser Selbstschutzmechanismen ist das Heiratsverhalten der Eziden. Sie konnten nur durch endogames Heiratsverhalten ihre Identität bewahren: Sie heirateten nur untereinander und traten nicht missionarisch auf. Diese Mechanismen wirken bis in die heutige Zeit und haben ihren Funktionszweck noch nicht verloren.

Bis heute ist die kurdische Gesellschaft von dieser Geschichte geprägt. Trotz des – historisch noch jungen – kurdischen Nationalismus ist für die Mehrheit der Kurden bei der Heirat die Religionszugehörigkeit ein wichtigeres Kriterium als die Nationalität.  Aus dem historischen Hintergrund heraus erklärbar gilt das in besonderer Weise im Fall der heutigen kurdischen Frauen. Die anti-ezidischen Ressentiments und Stereotype der Kurden gegenüber Eziden stammen aus dieser Zeit.

So wie die deutsche Geschichte die tradierten antisemitischen (bzw. antijudaistischen) Ressentiments und Stereotype aufweist, so lassen sich bei genauer Beobachtung auch in der kurdischen Gesellschaft anti-ezidische Stereotype und Ressentiments finden. Sie sind in ihrer Entstehungsgeschichte religiös zu erklären, tauchen aber heute vielfach im säkularen Gewand auf, oft subtil und latent, im Fall Maroufs verdeckt unter humanistischen Vorwänden. Die jüngste Äußerung von Hanar Marouf ist der Tradition der anti-ezidischen Stereotype zuzuordnen: Seht her, Eziden verstoßen ihre unschuldigen Frauen und Mädchen nach ihrem grausamen Schicksal, anstelle der schlechten Eziden müssen also wir Guten ihnen helfen. So schafft man es, fälschlicherweise den Eziden eine negative Eigenschaft zuzuschreiben und sich selbst als humanistisch motivierte Helferin zu gerieren, obwohl die negative Zuschreibung Ausprägung anti-ezidischer Ressentimens sind. Oft heißt es, Eziden fühlen sich als auserwähltes Volk, halten sich für etwas Besseres als Muslime und heiraten daher nur unter sich, deshalb akzeptieren sie unter keinen Umständen Andersgläubige und bei abweichendem Verhalten zeigen sie ihre barbarischen Charaktereigenschaften.

Viele Vorfälle der letzten Jahre in der Autonomen Region Kurdistan lassen sich vor diesem historischen Hintergrund erklären und bewerten. So hat vor kurzem ein Kurde aus dem Nordirak eine 14-jährige Ezidin entführt um sie zu heiraten. Die Familie des Mädchens hat öffentlich von den Behörden Hilfe gefordert und versichert, dass sie ihre Tochter ohne Probleme wieder aufnehmen würden. Die kurdischen Behörden gaben an, sie sei nicht auffindbar. Zur selben Zeit aber hat der kurdische Sender KNN beide interviewt. Dabei wurden Ausweispapiere des Mädchens gefälscht, um ihr wahres Alter zu vertuschen, sie wurde erkennbar vor dem Interview kosmetisch behandelt, um sie älter aussehen zu lassen. Sie wurde dazu gebracht zu sagen, sie lebe freiwillig mit dem Jungen zusammen. Dutzende namhafte Menschenrechtsaktivisten aus aller Welt äußerten ihre Kritik bezüglich der Untätigkeit der kurdischen Behörden. Die kurdische Regionalregierung nahm sich schließlich der Sache an, um die Angelegenheit geräuschlos abklingen zu lassen. Kurdische Mullahs aber haben die Entführung als religiöse Rechtleitung gerechtfertigt.

Die Denunziation der ezidischen Gemeinschaft wegen latent anti-ezidischer Stereotype kann auch nicht mit humanistischen Vorwänden legitimiert werden, selbst wenn dabei rhetorisch hilfreiche Krokodilstränen fließen. Ohne Zweifel hat die ezidische Gemeinschaft viele Problematiken zu bewältigen, mit einer generalisierten Verdächtigung der Eziden als archaische Gemeinschaft aber werden diese sich nicht bewältigen lassen. Positive Impulse müssen und kommen von der ezidischen Jugend, äußeren Einflüssen fehlt hierfür angesichts der ezidischen Historie die Legitimation.

„Sie ist nicht freiwillig mitgegangen, sie haben sie gezwungen, sie wurde ohne ihren Willen festgehalten, ist ohne ihren eigenen Willen verschleppt worden“, sagt ein ezidischer Ehemann, dessen Frau von IS-Terroristen entführt wurde und die er unmittelbar nach ihrer Befreiung empfing. Die absolute Mehrheit der Eziden wünscht sich nichts sehnlicheres, als dass die bis zu 7.000 entführten Ezidinnen und Christinnen zurückkehren zu ihren Familien. Diese Menschen noch öffentlich zu diffamieren, ist eine reine Entwürdigung.

Yilmaz Algin,
Ressortleiter ÊzîdîPress Kurmancî-Ausgabe

About the Author

- êzîdîPress Redaktion. Für Kontakt bitte das Kontaktformular nutzen oder Kontaktinformationen aus dem Impressum entnehmen. E-Mail: info@ezidipress.com