Published On: Mo, Aug 3rd, 2015

Der Verrat von Shingal

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Kommentar von Hayrî Demir



Vor einem Jahr überfiel die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) das Hauptsiedlungsgebiet der êzîdîschen Minderheit Shingal im Nordirak. Die Schergen des Kalifats walzten Dorf um Dorf nieder, verübten ein Massaker nach dem anderen an der ihnen hilflos ausgelieferten Zivilbevölkerung, stapelten die Leichen ihrer Opfer in Massengräbern aufeinander und verschleppten und versklavten Tausende von wehrlosen Frauen und Mädchen. Ein Verbrechen, das nahezu sämtliche Merkmale des Völkermord-Tatbestands gemäß der Genfer-Konvention erfüllt. Die Shingal-Region ist für Êzîden die Halsschlagader der Religion, Kultur, Geschichte aber auch des ezidischen Widerstandes. Alle Revolten und Aufstände der Êzîden nahmen dort ihren Anfang oder fanden ihr Ende.

Die Katastrophe in Shingal veranlasste die Welt dazu, in den Krieg gegen den IS zu ziehen, Waffen, Berater und Militärmaterial in die Krisenregion zu entsenden. US-Präsident Obama ordnete am 8. August Luftschläge gegen die Terrormiliz an, um einem „drohenden Völkermord“ vorzubeugen und die im Gebirge eingekesselten Êzîden zu befreien. Die USA würden nicht „tatenlos zusehen“, wie eine vom IS bedrohte Minderheit ausgerottet würde. Und tatsächlich retteten die Luftschläge – allen politischen Kontroversen aus dem sog. anti-interventionistischen Lager zum Trotz – über 60.000 auf dem Shingal-Gebirge gestrandete Êzîden. Die USA hielten Wort, sahen nicht tatenlos zu, während Kritiker wie Todenhöfer dem IS weiteren medialen Raum für seine Propaganda boten um die „Ideologie“ dahinter zu enttarnen, wie er im Nachhinein erklärte. Als hätte der IS, der gar eigene Magazine verbreitet, seine Ideologie jemals der Öffentlichkeit vorenthalten wollen. Das Ur-Wesen seiner Propaganda ist gerade die nackte Wahrheit seiner Absichten und ihrer Verbreitung.

Êzîdîsche Flüchtlinge suchen im Shingal-Gebirge Schutz (4. Aug. 2014)

Êzîdîsche Flüchtlinge suchen im Shingal-Gebirge Schutz (4. Aug. 2014)


Der Völkermord hat die êzîdîsche Gesellschaft in eine tiefe Krise gestürzt, politische Gräben zwischen rivalisierenden kurdischen Parteien drohen auf dem Rücken der Êzîden in Shingal ausgefochten zu werden. Dafür tragen nicht etwa die Parteien an sich die Verantwortung, sondern für sie agierende Êzîden, die die Messer für sie wetzen. Êzîdîsche Kampfeinheiten verschiedener Parteien und unabhängige haben längst mit dem Säbelrasseln begonnen, während über die Hälfte der Region weiterhin unter der Gewalt der Extremisten steht. Die êzîdîsche Jugend geht in den sozialen Netzwerken aufeinander los, weil weder ihre politische noch ihre religiöse und schon gar nicht ihre Leitfiguren in der Lage sind, ihnen einen Ausweg aus der Krise aufzuzeigen. Helden der ersten Stunde avancierten von neuem zu treuen Parteianhängern, denen die Befindlichkeiten ihrer Partei wichtiger erscheinen als die politische Zukunft Shingals.

Doch hätte es überhaupt erst so weit kommen dürfen? Wieso wurde der Völkermord nicht von den dazu verpflichteten Peshmerga in Shingal verhindert, der IS gestoppt oder wenigstens so lange aufgehalten, bis die Zivilbevölkerung sich in Sicherheit bringen konnte? Auch ein Jahr nach der Katastrophe wird die Ursache, die diesen Völkermord erst ermöglichte, entweder nicht thematisiert oder nur im politischen Schlagabtausch auf die Tagesordnung gebracht. Der Ansturm des IS kam weder überraschend noch unangekündigt. Der Begriff des Verrates wird in der kurdischen Politik inflationär gebraucht, doch hier ist nicht die Rede von einem herkömmlichen politischen Disput oder einer Meinungsverschiedenheit. Wir sprechen von einem Völkermord, der tausenden Êzîden das Leben gekostet und tausenden Frauen und Kindern die Sklaverei gebracht hat.

Vor dem Völkermord

Als der durch den syrischen Bürgerkrieg gestärkte IS in den Irak zurückkehrte und  Anfang Juni 2014 die Millionenstadt Mossul einnahm, war die sich anbahnende Gefahr für alle Minderheiten in der Region offensichtlich. Als erstes traf es die Christen in Mossul, die nach Jahrhunderten das erste Mal ihre traditionelle Heimat im Nahen Osten zu verlieren drohten. Den Êzîden im angrenzenden Shingal war bewusst, welche Gefahr auf sie lauerte. Auch nach dem Sturz des Saddam-Regimes im Jahr 2003 erhielten die Êzîden keinen Führungsanspruch über die von ihnen dominierte Region Shingal. Weder politische noch militärische Entscheidungsbefugnisse wurden ihnen eingeräumt. Die Region sorgte weiterhin für Zündstoff zwischen der Autonomen Region Kurdistan und dem irakischen Zentralstaat. Mit dem Artikel 140 der neuen irakischen Verfassung wurde normiert, dass der Status der Region per Volksreferendum geklärt werden sollte, welcher aufgrund politischer Spannungen jedoch nie ratifiziert wurde. Und so siechte die Region vor sich hin: Während die großen Parteien Anspruch auf die Region erhoben, hielten sie sich bei Investitionen stets zurück und verwiesen auf die Gegenseite. Gleiches galt für die Sicherheitslage. Und so kam es, wie es kommen musste: Terroristen von Al-Kaida verübten am 14. August 2007 einen Anschlag auf die südlichen Dörfer der Êzîden in Shingal, Siba Sheikh Khidir und Gir Izer. Vier Lastwagen voller Sprengstoff kamen dabei zum Einsatz. Beide Gemeinden wurden fast vollständig zerstört. Die Bilanz: rund 800 getötete und über 1.500 verletzte Êzîden.

Sieben Jahre später, im Juni 2014 brach dann der Krieg im Irak zwischen irakischen Sicherheitskräften und der Terrormiliz IS aus. Die kurdische Regierung reagierte dieses Mal unverzüglich und entsandte Truppen nach Shingal. So stießen noch im selben Monat tausende Peshmerga nach Shingal vor und nahmen die Region trotz der politischen Differenzen mit der irakischen Zentralregierung ein. Schließlich waren die irakischen Sicherheitskräfte zuvor nicht nur aus Mossul, sondern auch aus Shingal geflüchtet. Schwer bewaffnet marschierten die Peshmerga durch Shingal und machten deutlich, dass dem Artikel 140 keine weitere Bedeutung zukäme. Das Peshmerga-Ministerium erklärte daraufhin, man werde aus keinen Regionen zurückweichen, die von Peshmerga-Kämpfern verteidigt würden. Während der Staat Irak allmählich zu zerfallen drohte, machte die kurdische Regierung Nägel mit Köpfen und sicherte sich die Kontrolle über die bisher umstrittenen Gebiete und damit über eine mehr als 1.000 km lange Frontlinie zum IS.

Êzîdîsches Mädchen auf der Flucht vor den Terror-Schergen des IS in Shingal (Rodî Saîd)

Êzîdîsches Mädchen auf der Flucht vor den Terror-Schergen des IS in Shingal (Rodî Saîd)


Die aus Shingal geflüchteten irakischen Soldaten, Grenzwächter und Polizisten ließen zuvor ihre Waffen zurück, die êzîdîsche Zivilisten zu ihrer eigenen Verteidigung an sich nahmen. Peshmerga-Kommandeure aber ordneten eine Entwaffnung der Êzîden an, unter der Begründung, die Peshmerga zeigten nun Präsenz und würden in jedem Fall die Êzîden verteidigen. Tatsächlich kam es regelmäßig zu kleineren Gefechten an den Außengrenzen Shingals, die von den Peshmerga erfolgreich abgewehrt wurden. Man werde Shingal „bis zum letzten Tropfen Blut verteidigen“, hieß es von Serbest Babirî, dem Chef der 17. Sektion der Demokratischen Partei Kurdistans (kurd. PDK), der Partei des kurdischen Präsidenten Masud Barzani, welche die Kontrolle über Shingal übernommen hatte.

Nachdem die Regionen Baaj im Süden und Tal Afar im Osten Shingals im Juni 2014 an den IS gefallen waren, gründete Sheikh Alo Doski mit Genehmigung der PDK in der ehemaligen US-Miltärbasis nahe nahe der gleichnamigen Stadt Shingal eine Sondereinheit namens Hêza Reş (dt. schwarze Einheit). Diese Truppe bestand aus rund 700 Kämpfern, davon kamen alleine 300 aus Siba Sheikh Khidir, wo viele zuvor in der irakischen Armee gedient hatten.

Den Êzîden kamen allerdings bald Zweifel auf, ob die Peshmerga der PDK, die mehrheitlich muslimisch sind, sie auch im Falle einer Großoffensive der IS-Terroristen tatsächlich verteidigen würden. Und so mobilisierte Heydar Shesho, Mitglied der Patriotischen Partei Kurdistans (kurd. PUK) und ehemaliger Abgeordneter der Kurdistan Allianz im irakischen Parlament, rund 3.500 freiwillige Êzîden, die an der Seite der Peshmerga Shingal verteidigen sollten. Gegenüber AraNews erläuterte Shesho eine Woche vor dem Beginn des Völkermordes die Notwendigkeit der Bewaffnung êzîdîscher Freiwilliger. Salim Rashdani, êzîdîscher Intellektueller, erklärte im selben Interview, dass „die schwache Unterstützung der Peshmerga für die Êzîden ein Sicherheitsrisiko für die Zukunft“ darstelle. Er sollte Recht behalten.

Das 17. Politbüro der PDK unter Serbest Bapîrî lehnte eine Bewaffnung der Eziden jedoch erneut ab und ließ verlautbaren, dass es sich bei dabei um eine „rein êzîdîsche und keine kurdische Einheit“ handle und die Peshmerga bereits ausreichende Vorkehrungen zur Verteidigung der Eziden getroffen hätten. Währenddessen versuchte auch der Religiöse Rat der Êzîden unter der Führung von Mîr Tahsîn Said Beg die kurdische Regierung unter Masud Barzanî davon zu überzeugen, eine große Peshmerga-Kampfeinheit mit êzîdîschen Kämpfern zu gründen, die unter dem Peshmerga-Ministerium Shingal verteidigen sollte. Die PDK-Führung weigerte sich allerdings und verhinderte ein persönliches Zusammentreffen mit dem Präsidenten Barzanî, wie Karim Silêman, Berater des Religiösen Rates, erklärte.

Êzîdîsche Soldaten der irakischen Armee, Grenz- und Sicherheitspolizei hatten ihren Dienst eingestellt und machten sich für eine Verteidigung der Region Shingal bereit. Alleine aus Siba Sheikh Khidir quittierten 1.347 êzîdîsche Soldaten ihren Dienst in der irakischen Armee, um freiwillig das Hauptsiedlungsgebiet der Êzîden zu verteidigen. Die Soldaten forderten von den Peshmerga-Kommandeuren ihre Waffen zurück, die sie ihnen zuvor abgenommen hatten. Die Kommandeure und das Politbüro der PDK lehnten erneut ab.

Zu diesem Zeitpunkt waren die Verantwortlichen für die Region Shingal folgende:

  1. Serbest Bapirî, Chef der 17. PDK-Sektion in Shingal
  2. Shewkat Doskî (Kanikî), Verantwortlich für die Asayîş (Sicherheitskräfte)
  3. Ezîz Weysî, Oberkommandeur der 1. Brigade der kurdischen Eliteeinheit Zerevanî (PDK-Peshmerga)
  4. Seîd Kestayî, Oberbefehlshaber der Peshmerga in Shingal
Verantwortliche PDK-Funktionäre und Kommandeure in Shingal/Zumar

Verantwortliche PDK-Funktionäre und Kommandeure in Shingal/Zumar


Die Zahl der in Shingal und Umgebung (Zumar) stationierten und bewaffneten Peshmerga belief sich laut Serbest Bapîrî auf 11.000 Mann. Die Zahl wurde mehrfach von Kasim Shesho, Mitglied des 17. PDK-Politbüros und in Shingal ansässig, sowie von Heydar Shesho bestätigt. Seîd Kestayî erklärte immer wieder, dass ihm rund 8.000 Peshmerga in Shingal unterstünden. Etwa 200 Kommandeure befehligten die 11.000 Peshmerga in Shingal.

Am 2. August, einen Tag bevor der IS die Region überrannte, erklärte Serbest Bapîrî gegenüber der kurdischen Medienagentur Waar, dass die Sicherheitslage in Shingal „stabil“ sei und die Peshmerga „alle Außengrenzen abgesichert“ hätten. Dabei drohte die Terrormiliz schon eine Woche davor mit einer Großoffensive.

Der  3. August

Am Abend des 2. August 2014, an einem Samstag, vernehmen die Êzîden im Süden Shingals die letzten Gewehrsalven des Tages. Der IS greift üblicherweise am frühen Morgen oder mittags an, in der Nacht bombardiert er mit Mörsergranaten Dörfer und Stellungen der Widerstandskämpfer.  Ein êzîdîscher Arzt im städtischen Krankenhaus von Shingal beobachtet einen Angestellten, ein muslimischer Kurde, bei einem Telefonat. Der Arzt stellt ihn zur Rede, da es offenbar um die Region Shingal und die IS-Terroristen geht. Der Angestellte erzählt ihm, dass er mit einem Bekannten gesprochen habe, welcher der Terrormiliz beigetreten sei. Der IS-Terrorist habe ihm versichert, dass die Terrormiliz schon morgen in Shingal stehen würde, „ohne einen Schuss“ abgegeben zu haben. Die Aussagen des Arztes liegen êzîdîschen Aktivisten vor. Wie in den Tagen davor, halten êzîdîsche Zivilisten mit leichten Waffen in der Nacht Wache.

„Unsere Gemeinde Siba Sheikh Khidir grenzt an die arabischen Dörfer, deswegen waren wir schon seit Wochen jede Nacht schlaflos. Wir fürchteten, dass der IS jederzeit angreifen könnte und hielten daher Wache“, berichtet der êzîdîsche Intellektuelle Heci Qeyrani, der in der Gemeinde Siba lebte.

Gegen zwei Uhr in der Nacht beginnt dann der Sturm der Terrormiliz. Die IS-Terroristen greifen mit dutzenden Kämpfern, schweren Waffen, Granatwerfern, gepanzerten und bewaffneten Fahrzeugen an, berichtet ein Augenzeuge.

Mehrere Schergen des IS rücken auf die die Ortschaften Siba Sheikh Khidir, Qataniya und Gir Izer vor. Die erste Mörsergranate schlägt in Siba ein, eine weitere in Gir Izer. Die bewaffneten êzîdîschen Männer und Jugendlichen gehen in Stellung und glauben, dass der Angriff schon bald vorbei sei. Es kommt aber zu schweren Gefechten, die IS-Terroristen drängen immer weiter vor und nähern sich den Gemeinden, in denen Zehntausende Êzîden leben. Die erste Angriffswelle können die Êzîden trotz leichter Waffen zurückschlagen und Dutzende Extremisten des IS töten.

„Den ersten Angriff konnten wir abwehren, wir haben sie getötet und vertrieben. Doch sie haben sich von neuem mobilisiert und griffen uns erneut an. Wieder kam es zu Kämpfen“, berichtet der Augenzeuge aus Gir Izer weiter.


Über die Hauptstraße von Gir Izer nach Baaj, die eigentlich von den Peshmerga kontrolliert wird, strömen immer weitere Terroristen an die Front. Die an der Hauptstraße stationierten Peshmerga geben ihre Stellungen auf, flüchten und machen so den Weg für die Terroristen frei. Mit dem Verlust der Hauptstraße verlieren die Zivilisten auch den schnellsten Weg in den bis dato noch sicheren Norden. In den Gemeinden wird unterdessen stundenlang weitergekämpft, während sich die Munition der Êzîden dem Ende zuneigt. In Gir Izer kämpfen rund 100 Êzîden, in Siba und Qataniya etwa weitere 500.

„Wir standen mit der 17. Abteilung der PDK und Peshmerga in Verbindung und informierten sie über die Vorgänge. Mehrmals haben wir sie angerufen. Sie sagten, Verstärkung sei auf dem Weg, jeden Moment träfen sie ein“, berichtet Heci Qeyranî weiter. Das PDK-Politbüro fordert die Êzîden auf, die Stellung zu halten und Widerstand zu leisten, bis die Peshmerga eintreffen. Die Êzîden in Siba und Gir Izer fordern auch die „Schwarze Einheit“ von Sheikh Alo Doski zur Unterstützung herbei, die nur wenige Kilometer entfernt stationiert ist.

In Wahrheit jedoch befindet sich kein einziger Peshmerga auf dem Weg. Der Kommandeur der Schwarzen Einheit erklärt später, er habe keinen Befehl zum Ausrücken seiner Männer erhalten, obwohl die Êzîden die 17. PDK-Abteilung und die Peshmerga-Kommandeure in Kenntnis gesetzt hatten. Die Êzîden in Siba und Gir Izer kämpfen weiter, bis in die frühen Morgenstunden.

„Wir kämpften etwa vier Stunden weiter und keine einzige Einheit kam zur Verstärkung“, erzählt der in Siba kämpfende Hecî Qeyrani.

„Sie sagten, wir sollen weiterkämpfen, bis die Peshmerga eintreffen. Zu dem Zeitpunkt waren die Peshmerga bereits alle davongerannt und schon im 60 km entfernten Rabia [Grenzregion zu Syrien im Nordosten Shingals; Anm. d. A.]“, berichtet ein weiterer Augenzeuge in Siba.

Zwischen sechs und sieben Uhr am Morgen ist die Munition der Êzîden dann aufgebraucht, die Verstärkung noch immer nicht eingetroffen. Die Êzîden aber glauben weiterhin, die Peshmerga-Einheiten seien in Kürze da, um den Angriff der Terrormiliz zurückzuschlagen. Während die Êzîden ihre Gemeinden verteidigen, sind die Peshmerga bereits über alle Berge geflohen.

Im Norden und Osten Shingals beobachten einige Êzîden, wie die Peshmerga ihre Stellungen verlassen und sich auf in Richtung Norden machen. Obwohl noch kein einziger IS-Terrorist den Norden erreicht hat, rennen die Peshmerga aus ihren Kasernen und flüchten. Die Mehrheit der êzîdîschen Zivilbevölkerung schläft zu diesem Zeitpunkt noch. Wenig später wehte bereits die schwarze Flagge über ihren Köpfen.

Nur noch eine Staubwolke: Flüchtende Peshmerga in Shingal am 3. August 2014

Nur noch eine Staubwolke: Flüchtende Peshmerga in Shingal am 3. August 2014


Êzîden aus Siba und Gir Izer hatten über Telefone bereits berichtet, was im Süden vor sich ging und glaubten, dass die Peshmerga ihnen zur Hilfe eilen würden. Schließlich sollten sie ja „ihre Stellungen halten“, wie das Politbüro forderte.

Die Truppen von Ezîz Weysî, Serdar Kestayî und Shewkat Doskî waren bereits samt ihrer Kommandeure auf der Flucht. Ezîz Weysî, der die Region Zumar verteidigen sollte, flüchtete mit seinen Truppen und machte so den Weg für die IS-Terroristen im Osten Shingals frei. In den ersten Stunden der Angriffe, währen die Êzîden also um Unterstützung gebeten hatten, machte sich Shewkat Doskî Augenzeugen zufolge bereits aus dem Staub. Mit ihm alle Sicherheitskräfte. Statt seine Einheiten in den Süden zu entsenden, flüchteten auch die Truppen Serdar Kestayîs aus dem Westen. Und noch bevor die Terrormiliz die Stadt Shingal erreichte und die Zivilisten wussten, wie es um ihre Lage stand, rannte Serbest Bapîrî aus der Stadt in das sichere Gebirge.

Die IS-Terroristen hatten währenddessen die Êzîden im Süden fast gänzlich umstellt und drohten, jede Sekunde die Gemeinden zu stürmen. Auch von Osten her marschierten weitere Terroristen in die Shingal-Region, über die syrische Grenze im Westen und im Norden rückten IS-Schergen auf die Dörfer und Gemeinden der Êzîden vor. Alle Peshmerga befanden sich zu diesem Zeitpunkt bereits auf der Flucht.

Die Êzîden in Til Ezer werden nun von Êzîden aus dem Norden am frühen Morgen gegen sechs Uhr telefonisch bereits vorgewarnt, es bahne sich eine Katastrophe an, mehrere êzîdîsche Dörfer seien bereits umzingelt. Den Anruf erhält eine ältere Frau. Als die Menschen in Til Ezer sich auf die Flucht begeben wollen, werden sie von einem Kontrollpunkt der Peshmerga, der die Zufahrt zum Dorf kontrolliert, daran gehindert. Die Peshmerga versichern den Dorfbewohnern, dass ihnen nichts zustoßen und die Peshmerga sie verteidigen werden. Die Bewohner sollen in ihre Häuser zurückkehren. Kurze Zeit später, gegen 9 Uhr, findet ein Êzîde aus Til Ezer den verlassenen Kontrollpunkt der Peshmerga vor. Er eilt zum Dorf zurück, um dem Dorfbewohnern mitzuteilen, dass die vermeintlichen Beschützer davongerannt sind. Die IS-Terroristen haben das Dorf jedoch bereits ins Visier genommen. Nur wenigen Dorfbewohnern gelingt es, ins Gebirge zu flüchten.  Über 100 Êzîden des Dorfes werden massakriert, darunter der Ehemann der älteren Frau. Frauen und Kinder werden auf Pickups verladen und verschleppt. Derselbe Vorfall ereignet sich im êzîdîschen Dorf Kocho, wo die Terrormiliz wenige Tage später über 600 Êzîden massakrieren und über 1.000 Frauen und Kinder noch entführen wird. Auch in Kocho hindern die Peshmerga die Êzîden daran, das Dorf zu verlassen.

Gegen 7:30 Uhr erreichen die Êzîden im Süden erste verzweifelte Anrufe. Warum sie nicht schon auf der Flucht seien, die Peshmerga seien schon längst geflüchtet und hätten all ihre Stellungen aufgegeben. Erst dann bemerken die Êzîden im Süden, was geschehen war. Panik bricht aus, der IS stürmt die Gemeinde Gir Izer und Siba.

„Hätten die Peshmerga uns wenigstens gesagt, dass sie selbst flüchten und keine Verstärkung kommt, hätten wir Zeit und Munition gehabt, die Zivilisten in Sicherheit zu bringen“, prangert ein Augenzeuge in Siba an.

„Als sie uns umzingelten, war es für uns zu Ende, weil wir keine Rückendeckung hatten. Wir waren geschlagen und flüchteten. Sie [die IS-Terroristen] haben unsere Frauen eingefangen, unsere Angehörigen in den Häusern getötet, ihre Leichen liegen noch immer dort“, berichtet der Augenzeuge aus Gir Izer. Mehrere Hundert Êzîden werden in dieser Stunde im Dorf massakriert. Die Frauen und Mädchen verschleppt.

„Sie selektierten die schönsten Frauen aus und brachten sie fort.“

Die 11.000 Peshmerga und ihre rund 200 Kommandeure, die „bis zum letzten Tropfen Blut“ Shingal und die Êzîden verteidigen sollten, rannten davon. Das Vertrauen in die kurdischen Sicherheitskräfte erwies sich als fataler Fehler. Der Verrat war perfekt. Aber damit nicht genug.

Von flüchtenden Peshmerga getöteter êzîdîscher Peshmerga in Shingal

Von flüchtenden Peshmerga getöteter êzîdîscher Peshmerga in Shingal

Im Osten Shingals, in Zorava, beobachten mehrere êzîdîsche Peshmerga, wie ihre Einheiten ebenfalls im Begriff sind, samt der schweren Waffen zu flüchten. Dutzende Êzîden rennen zu den Kasernen der Peshmerga und fordern die Waffen, die die irakische Armee zurückgelassen hat. Alleine in Zorava sind etwa acht Lastwagen voll Waffen gelagert. Sind die Peshmerga schon nicht bereit, die Êzîden zu verteidigen, so sollen sie wenigstens den Êzîden Waffen zur Selbstverteidigung überlassen. Kasim Shesho, bis dato selbst Mitglied der 17. PDK-Abteilung und Kommandeur der êzîdîschen Widerstandskämpfer erklärte kurz nach den Ereignissen: “Hätten die Peshmerga den Êzîden die Waffen der irakischen Streitkräfte Mailikis überlassen, wären die Êzîden in der Lage gewesen, sich selbst zu verteidigen. […] Diese Katastrophe, dieser Völkermord wäre nie geschehen”. Doch auch das werden sie nicht tun, im Gegenteil.

Als sich die Peshmerga-Einheiten in Zorava auf die Flucht begeben, stellen sich mehrere êzîdîsche Peshmerga vor den Konvoi und verlangen danach, dass man gegen den IS kämpft oder ihnen Waffen zur Selbstverteidigung zurücklässt. Ein Streit bricht aus. Einer der Peshmerga eröffnet das Feuer und tötet die drei Êzîden Ayad Naif Murad, Ali Elyas Yousif und Yousif Eliyas Khalaf. Alle drei waren den Augenzeugenberichten nach selbst Peshmerga-Kämpfer. Ein weiterer Êzîde, Jemil Khalaf Eliyas wird verwundet. Mehrere Êzîden aus Zorava bestätigen den Vorfall, der nie untersucht, für den nie jemand angeklagt oder verurteilt wird.

Mein Nachbar, der Terrorist

Als den Êzîden im Süden bewusst wird, dass der Widerstand längst gebrochen ist, versuchen sie in den Norden in das Gebirge zu flüchten. Die muslimisch-sunnitischen Nachbarn der Êzîden ziehen sich unterdessen die schwarze Robe der IS-Terrormiliz über und feuern mit Maschinengewehren auf die Flüchtlingsströme, auf Frauen und Kinder. Auf ihre Nachbarn.

„Als wir flüchteten, standen die Araber in der Umgebung von Shingal schon bereit, sie zogen die Kleider des IS an. Noch bevor der IS in Shingal-Stadt einfiel. […] Unsere Nachbarn, mit denen wir jahrelang zusammengelebt hatten, unsere eigenen Patenfamilien, unsere Handelspartner und Freunde, sie zogen sich die schwarze Uniform des IS über.“

Ehemaliger Nachbarn der Êzîden in Shingal empfangen IS-Terroristen (IS-Propagandabild)

Ehemaliger Nachbarn der Êzîden in Shingal empfangen IS-Terroristen (IS-Propagandabild)


Die Menschen versuchen verzweifelt das Gebirge zu erreichen, die IS-Terroristen und ihre sunnitischen Nachbarn schneiden ihnen den Weg ab, töten dutzende Menschen. Heydar Shesho, der Oberkommandeur der êzîdîschen Verteidigungskraft Shingals (HPŞ) berichtet, wie kurdische IS-Terroristen Êzîden bei lebendigem Leib in Shingal verbrannt haben. Später, nachdem die Luftschläge der USA beginnen, setzten sich viele Angehörige der sunnitisch-kurdischen Stämme aus Angst in die kurdischen Regionen ab, ohne für ihre Verbrechen bis heute belangt zu werden.

Über 360.000 Êzîden, vor allem im Norden und Osten, gelingt die Flucht in die kurdischen Regionen. Die selbstlose kurdische Bevölkerung von Zakho bis Erbil versorgt Hunderttausende Flüchtlinge mit Nahrung und Wasser, stellten Unterkünfte zur Verfügung. Bis zu 60.000 weitere Êzîden, denen die Flucht in den Norden versagt war, suchen unterdessen im Shingal-Gebirge Schutz, wo sie bei Temperaturen von über 45°C ohne Wasser und Nahrung tagelang ausharren müssen. Hunderte sterben in diesen Tagen.



Die Terrormiliz IS verschleppt Tausende Frauen, Mädchen und Kinder aus den Dörfern. Mit Lastwagen werden die Êzîdînnen fortgebracht. Als „Kriegsbeute“ bezeichnet der IS die gefangenen Êzîdinnen später. Die Absicht der Terrormiliz: Die Êzîden, ihre Religion und Kultur zu vernichten.

Der „taktische Rückzug“

Die bis dahin heroisierten Peshmerga in Shingal hatten vollkommen versagt, hunderttausende Zivilisten den Henkern des IS überlassen und sich nicht einmal die Mühe gemacht, die Zivilisten wenigstens zu evakuieren. Stattdessen flüchteten bewaffnete Männer noch ehe zehntausende Frauen und Kinder die Möglichkeit hatten.

Funktionäre der PDK, darunter auch Êzîden, stehen in den Monaten danach einer gewaltigen, berechtigten Kritik gegenüber. Plötzlich heißt es, der Vorfall müsse untersucht werden, die Sachlage wäre nicht „klar“. Es habe sich um einen „taktischen Rückzug“ der Peshmerga gehandelt, auf keinen Fall aber um eine Flucht.

Was die PDK und viele andere Kurden verschweigen, bringt schließlich der Peshmerga-General und Pressesprecher des Peshmerga-Ministeriums, Holgard Hekmat, offen und ehrlich gegenüber SpiegelOnline auf den Punkt: „Unsere Soldaten sind einfach davongerannt. Es ist eine Schande und anscheinend Grund, weshalb sie solche Behauptungen erfinden [gemeint ist der vermeintliche taktische Rückzug; Anm. d. A.]“. Mehrfach betonte der Peshmerga-General, dass es keinen Befehl zum Rückzug gegeben habe und alle Verantwortlichen bestraft werden würden.

Flüchtende Peshmerga überholen Zivilisten in Shingal

Flüchtende Peshmerga überholen Zivilisten in Shingal


Kurz darauf hieß es von Seiten der Militärs und Politik, der Rückzug der Peshmerga in Shingal sei kein Einzelfall. Auch in anderen Regionen Kurdistans haben sich die Peshmerga zurückziehen müssen. Das ist soweit korrekt. Aber in diesen Regionen, etwa in Makhmur, wurden die Zivilisten zuvor evakuiert.

Als nächstes wurde versucht die  Zahl der in Shingal stationierten Peshmerga nach unten zu drücken, als würde es das Geschehen weniger schlimm wirken lassen. Die Peshmerga-Kommandeure haben jedoch die Zahl von etwa 11.000 Mann selbst immer wieder genannt, welche bei einer Bevölkerung von über 600.000 Personen in Shingal und weiteren Zehntausend in Zumar realistisch und auch notwendig ist.

Angebliche Bestrafung

Wenige Tager später gab der kurdische Präsident Barzanî bekannt, er werde „alle Verantwortlichen zur Rechenschaft“ ziehen und machte damit zumindest deutlich, dass kein Befehl zum Rückzug erfolgte. Bis heute kam es jedoch weder zu einer strafrechtlichen Verurteilung noch zu einem ernsthaften Verfahren.

Auf freiem Fuß: Serbest Bapîrî nach seiner Entlassung

Auf freiem Fuß: Serbest Bapîrî nach seiner Entlassung

Die Verantwortlichen, Serbest Bapirî, Said Kestayî und Shawkat Kanikî wurden in Pirmam in einem Hotel unter Hausarrest gestellt und wenige Tage später freigelassen. Die 200 Peshmerga-Kommandeure wurden in einer angeblichen Untersuchung zu den Vorfällen befragt. Da viele von ihnen jedoch bereits an anderen Fronten wie in Khanaqin im Einsatz waren, wurde suggeriert, es sei nicht der „richtige Zeitpunkt aktive Kommandeure und Peshmerga-Soldaten“ einer Untersuchung zu unterziehen. Das Theaterspiel beginnt.

Genug Zeit war jedoch vorhanden um den leitenden êzîdîschen Oberkommandeur Heydar Shesho zu verhaften, der – nachdem die Peshmerga flüchteten – nach Shingal eilte um dort die Êzîden zu verteidigen. Ihn steckte man mit IS-Sympathisanten in eine Zelle. Heydars Vater, Qaso Shesho, wurde jahrelang in den Kerkern Saddams eingesperrt und gefoltert, weil er als PDK-Peshmerga in Shingal gegen die Saddam-Truppen kämpfte.

Nicht vor dem Kampf flüchtende Peshmerga, sondern ein Oberkommandeur, der monatelang ohne Hilfe der KRG sein Leben zur Verteidigung von Zehntausend Menschen im Shingal-Gebirge aufs Spiel setzte, stellt dem KRG-Präsidenten zufolge eine Gefahr für die „innere Ordnung“ dar. Die Verteidigungskraft Shingals, die sich unter dem Eindruck des Völkermordes gründete, wurde kriminalisiert.

Êzîden sollten ihre vorwurfsvollen Blicke nicht zu weit ausschweifen, wenn sie Ausschau nach den wahren Tätern halten. Es sind êzîdîsche Parteianhänger, denen es an Mut fehlt, in einer der schwersten Stunde êzîdîscher Geschichte das Verbrechen beim Namen zu nennen: Verrat. Stattdessen beschwichtigen sie Tatsachen und rufen Verschwörungstheorien herbei. Das Versagen êzîdîscher Vereine, die das Lobbying mehr als Selbstprofilierung verstehen um damit ihre Timeline auf Facebook mit Namen von Politikern zu füttern, statt für die êzîdîsche Gemeinschaft begünstigende Entscheidungen zu erstreiten.

„Undankbare Êzîden“

Als die Kritik an den Peshmerga für ihren Verrat innerhalb der Êzîden immer lauter wurde, warf man den Êzîden „Undankbarkeit“ vor. Dutzende Peshmerga hätten für Shingal ihr Leben gelassen, hieß es. Die Êzîden “hätten ihre kurdische Identität verraten und die Peschmerga verleumdet„. Also, nicht die davonrennenden Peshmerga, sondern die kritisierenden Êzîden haben dem Ansehen der Peshmerga geschadet, so die Meinung.

Während der Arabisierungspolitik des Baath-Diktators ab 1980, registrierte die irakische Führung die êzîdîsche Minderheit als ethnische Araber. Die Êzîden schlossen sich kurz daraufhin dem kurdischen Widerstand unter Mollah Mustafa Barzanî an, der mit den Peshmerga eine schlagkräftige und gefürchtete Rebellion anführte. Zu Tausenden strömten Êzîden in die Barzanî-Partei der Demokratischen Partei Kurdistans (kurd. PDK).

Êzîden litten Seite an Seiten mit den kurdischen Peshmerga während des ersten und zweiten Golfkrieges, starben in den Gebirgen und Städten Südkurdistans als Peshmerga wie hunderttausende Kurden. Auch heute. Weil sie in den 80er Jahren die Peshmerga und die PDK in Shingal unterstützten, zogen sie den Zorn Saddam Husseins auf sich, der kurzerhand hunderte êzîdîsche Dörfer in Shingal und Sheikhan in Schutt und Asche legte, hunderttausende Êzîden zwangsumgesiedelte und Morde befahl. Als Anerkennung dieser Opfer kehrte die kurdische Gesellschaft im Irak nach dem Ende des Saddam-Regimes und dem Befreiungskampf den Êzîden den Rücken zu und diskriminierte die Minderheit in weiten Teilen nun selbst. Von institutionellen Einrichtungen im Justizwesen bis hin zum einfachen Gemüseverkäufer wollte kaum jemand mit den ehemaligen Kampf- und Leidensgefährten zutun haben. Als es aber darauf ankam, die Region der Êzîden, das Hauptsiedlungsgebiet zu verteidigen, war keiner der dort stationierten Peshmerga dazu bereit. Saddams Schatten, die in Shingal angesiedelten Araber, legten sich wie ein schwarzer Schleier über die Êzîden, während die Peshmerga nicht willens waren, sie zu verteidigen.

Befreiung

Am Ende gelingt es durch Bodentruppen der kurdischen Volksverteidgungseinheiten der YPG, Kämpfern der PKK, die aus Syrien und anderen Regionen Kurdistans herbeieilten sowie Luftschlägen der USA die im Shingal-Gebirge gestrandeten Êzîden zu retten. Auch hier unternahm die kurdische Regierung keinerlei Anstrengungen, den Fluchtkorridor zur syrischen Grenze zu erkämpfen. Erst vier Monate später, nach etlichen Angriffen und Offensiven der Terrormiliz auf Stellungen der êzîdîschen Widerstandskämpfer, marschieren die Peshmerga in Shingal ein und befreien mit anderen Einheiten den Norden. Der kurdische Präsident und der Ministerpräsident stellten sich auf das Shingal-Gebirge und ließen sich als Befreier eines massakrierten Volkes feiern.

Die Ereignisse in Shingal haben das Verhältnis zwischen den Êzîden und Kurden schwer erschüttert. Einen vollständigen Bruch haben nur die aufopfernden Bürger Kurdistans verhindert, die die êzîdîschen Flüchtlinge mit offenen Armen empfingen sowie die kurdischen Kämpfer der YPG und PKK.

Der Schnee unter der Sonne

Die Peshmerga als Ganzes zur Verantwortung zu ziehen ist nicht nur unsachlich, sondern auch schlicht falsch. Was sich in Shingal jedoch zugetragen hat, ist als nichts anderes zu bewerten: Verrat. Die PDK genießt seit Jahrzehnten die Loyalität êzîdîscher Würdenträger und Politiker. Die Mehrheit der Êzîden lebt auf den von der PDK kontrollierten Gebiete innerhalb der Autonomen Region. Den Êzîden bleibt daher kaum eine andere Option, als sich zu fügen. Dem weltlichen Oberhaupt der Êzîden, Mîr Tahsîn Beg, wurde daher immer wieder der Vorwurf gemacht, parteipolitisch zu Gunsten der PDK zu handeln. Der Mîr erkannte die Gefahr jedoch bereits Jahre zuvor. Nur in halb-subversiven Treffen mit US-Verantwortlichen im Irak traute man sich die Wahrheit zu benennen.

„Die Êzîden werden unter der PDK wie Schnee in der Sonne dahinschmelzen“, sagte Mîr Tahsîn in einem von Wikileaks veröffentlichten, vertraulichen Bericht im Jahr 2008. Auch er sollte Recht behalten.

Die Êzîden haben auf den Schutz der Peshmerga vertraut, die ihrerseits zusicherten, die Êzîden zu verteidigen. Doch sie haben die Êzîden im Stich gelassen und einen Völkermord an unschuldigen Menschen ermöglicht. Nur eine Emanzipierung von politischen Parteien kann die Zukunft der Êzîden in Kurdistan ernsthaft gewährleisten.

© ÊzîdîPress, 03. August 2015

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