Published On: Sa, Okt 1st, 2016

Die Geschichte des Ezidi Mirza: Vom Waisenkind zum Helden

Statue zu Ehren Ezidi Mirza im Dorf Baschiqa, vom IS zerstört

Statue zu Ehren Ezidi Mirza im Dorf Baschiqa, vom IS zerstört


Wie lange noch wird der Geist Ezidi Mirzas die Häupter gefallener, junger Êzîden auf seinem Schoß beklagen und Tränen gleich einem Regenschauer fließen?“, heißt es in einem Klagegedicht eines êzîdîschen Dichters, das vom Völkermord an den Êzîden in Shingal handelt. In dieser Zeit der Vernichtung, des Hasses und der Hilflosigkeit sehnt sich die êzîdîsche Gemeinschaft mehr denn je nach einem Befreier, einer starken Persönlichkeit, der die Gemeinschaft durch diese schwierige Zeit manövriert. Jemanden, der das Erbe des legendären Helden Ezidi Mirzas fortsetzt.

Den Êzîden blieb es aufgrund von Verfolgung und der ihnen feindlich gesinnten islamischen Umgebung verwehrt, eine Schriftkultur zu entwickeln. Statt sich mit ihrer eigenen Geschichte, ihrer Mythologie, Persönlichkeiten der Vergangenheit und deren Wirken auseinanderzusetzen und diese niederzuschreiben, waren die Êzîden stets darum bemüht, um ihr Überleben zu kämpfen. Doch gelang es ihnen, eine hochentwickelte orale Tradition hervorzubringen, über die sie jahrhundertealte Ereignisse in das Kollektivgedächtnis der Gesellschaft einprägten und so einen Teil der eigenen Geschichte bewahrten.

In den Gedichten, Heldensagen und Erzählungen der Êzîden wird bis heute das Wirken vieler Persönlichkeiten am Leben erhalten. Unter diesen sticht ein Name jedoch besonders hervor: Ezidi Mirza (1600-1651). Er prägte das êzîdîsche Selbstbewusstsein bis weit über seinen Tod hinaus. Noch heute steht sein Name als Inbegriff des Heldentums. Seine Geschichte aber ist den Wenigsten bekannt.

In Mossul, der zweitgrößten Metropole des Iraks, die heute unter der Kontrolle der IS-Miliz steht, ließ Ezidi Mirza seinerzeit eine Stätte zu Ehren eines êzîdîschen Heiligen errichten. Am Fuße des Tigris sind noch heute die Ruinen seines einstigen Schlosses zu finden.

Wer ist also dieser Mann, der als Êzîde von berühmten osmanischen Reisenden wie Evliya Çelebi (1611–1683) und in der osmanischen Geschichtsschreibung des Naima (1655–1716) erwähnt wird? Wie so oft in der êzîdîschen Geschichte wird auch das Schicksal von Ezidi Mirza von Verfolgung und Tod geprägt. Doch Ezidi Mirza schafft es dennoch sein Leben neu auszurichten und neue Hoffnung zu schöpfen. Auch deswegen gedenken heute vor allem viele der alten Êzîden in dieser Zeit des Völkermordes seinem Erbe.

Der Fürstensohn

Im Jahr 1600 erblickte in dem êzîdischen Dorf Baschiq ein Knabe als jüngster von drei Brüdern das Licht der Welt. Seine Familie gehört einer geistlichen Sheikh-Familie an, die unter den Êzîden große Beliebtheit genoss. Seine Eltern nannten ihn Mirza – „Fürstensohn“. Sein Vater war der hochangesehene Gelehrte Sheikh Shekho. Baschiq sowie das Nachbardorf Bahzan gehören bis heute zu den bedeutendsten êzîdîschen Gemeinden und sind als solche einzigartig: Die Muttersprache der dortigen Êzîden ist ein arabischer Dialekt aus dem historischen Syrien (Scham), den sie bis heute bewahren konnten und ihn als einzige Gruppe im Irak sprechen. In der Gemeinde haben zudem die „Hüter des Êzîdentums“, die sog. Qewals, die die Religionsinhalte mündlich an die nächste Generation weitergeben, ihren Hauptsitz.

Doch schon wenige Jahre nach der Geburt Mirzas, im Jahr 1605, kam es zum Schicksalstag, der sein gesamtes Leben prägen sollte. Zahlreiche kurdische Stämme aus Soran und kurdische Goran-Stämme griffen das êzîdische Fürstentum Sheikhan und die Dörfer Baschiq und Bahzan an. Sheikh Shekho mobilisierte êzîdîsche Kämpfer in Sheikhan und organisierte den Widerstand, waren den Kurden jedoch weit unterlegen. Die Angreifer verübten ein Massaker an der êzîdîschen Bevölkerung, brandschatzen die Dörfer und verschleppten junge Frauen. Das weltliche Oberhaupt der Êzîden, zugleich auch Fürst von Sheikhan, ließ umgehend Truppen nach Baschiq und Bahzan beordern. Die Angreifer aus Soran konnten nach einem erbitterten Kampf und mithilfe êzîdîscher Truppen aus Sheikhan schließlich zurückgeschlagen werden. Mirza und seine zwei älteren Brüder überlebten, mussten jedoch mit ansehen, wie ihr Vater und ihre Mutter sowie die meisten ihrer Familienangehörigen getötet wurden. Von diesem Tag an kümmerten sich Verwandte um den jungen Mirza und seine Brüder Amar und Heydar. Amer war zwei Jahre und Heydar fünf Jahre älter als Mirza. Als Vollwaise waren auch die nächsten Lebensjahre Mirzas von Krieg und Tod geprägt.

Gefangenschaft

Mirza und seine Brüder verbrachten ihre Zeit oft in den Märkten der wenige Kilometer entfernten Stadt Mossul, die von den Osmanen regiert wurde. Als Waisen in armen Verhältnissen lebend, stahlen die Brüder oft Nahrung, was von den meisten Händlern jedoch geduldet wurde. So kamen sie immer davon. Eines Tages änderte sich dies jedoch: Die drei Jungen schlichen sich Abends in das Feld eines Bauern und stahlen Melonen sowie Zwiebeln. Der Feldbesitzer, der durch die Fußspuren auf Kinder schloss, erwartete die Brüder am nächsten Abend. Er versteckte sich im Feld und lauerte den Brüdern auf. Wie am Abend zuvor kamen Mirza und seine Brüder um erneut Essen zu stehlen. Der Bauer erwischte sie dieses Mal jedoch und brachte die Brüder zu Soldaten der Osmanen, die alle drei einsperrten.

Die osmanischen Wächter und Soldaten befragten die Jungen nach ihren Eltern und ihrer Herkunft, und so wurde ihre êzîdîsche Identität offensichtlich. Die muslimischen Soldaten verprügelten Mirza und seine Brüder. Einer der Soldaten trieb die Grausamkeit auf die Spitze: Mithilfe der anderen Soldaten versprach er dem Ältesten, Heydar, dass sie ihn laufen lassen würde, wenn er seine Brüder töten würde. Doch Heydar weigerte sich. Und auch Amar lehnte ab, seinen jüngeren Bruder zu töten. Die Soldaten wandten sich an den jungen Mirza, der nicht recht verstand, was vor sich ging. Sie drückten Mirza ein Messer in die Hand und zwangen ihn, die Kehlen seiner Brüder durchzuschneiden. Mirza tat es. Überströmt vom Blut seiner eigenen Brüder, warfen die Soldaten den jungen Mirza in eine der Gassen Mossuls.

Weinend und blutüberströmt irrte Mirza durch die Straßen Mossuls, ehe ihn ein bekannter Händler erkannte. Der Händler fragte, was passiert sei. Mirza erzählte von den Geschehnissen im Gefängnis. Der Händler nahm Mirza und brachte ihn zurück nach Baschiq und Bahzan. Schnell verbreitete sich in der Gemeinde, was die Soldaten Mirza und seinen Brüder angetan hatten. Erbost versammelten sich die Êzîden und schworen Rache, waren jedoch gegen die zahlenmäßig überlegenen osmanischen Truppen in Mossul machtlos. Der Waise Mirza hatte nun auch seine letzten direkten Verwandten verloren – durch seine eigene Hand.

Mirza, dessen Familie von der bedeutenden Familie der Adani-Sheikhs abstammt, wurde von êzîdîschen Geistlichen in Obhut genommen. Mirza wurde religiös ausgebildet und erlernte, anders als die Mehrheit der Êzîden, das Lesen und Schreiben der arabischen Sprache. Als erwachsener Mann heiratete Mirza und wurde selbst Lehrer. Die Êzîden nannten ihn respektvoll Sheikh Mirza. Mirzas Interesse jedoch galt seit jeher etwas anderem als der Religion: Militärstrategien und Taktiken. Die ständigen Angriffe der Muslime auf die Êzîden und seine eigene Lebensgeschichte machten Mirza bewusst, dass eine eigene schlagkräftige Truppe unabdingbar war.

Der erste Sieg

Keine 15 Jahre nach dem letzten großen Angriff auf Baschiq und Bahzan, in dem Mirza seine Eltern verlor, wurde die Gemeinde erneut von kurdischen und arabischen Stämmen angegriffen. Obwohl sie zahlenmäßig unterlegen waren, griffen die Êzîden, unter ihnen auch Mirza, zu den Waffen und verteidigten ihre Dörfer. Mirza konnte nun unter Beweis stellen, wie viel er tatsächlich von Kriegsstrategie verstand. Er mobilisierte die besten Kämpfer unter seinem Kommando und bereitete den Gegenschlag vor. Die zahlenmäßige Unterlegenheit machte Mirza mit Ortskenntnis und Stoßtruppen wett. So gelang es den Êzîden unter Mirza, die feindlichen Truppen in die Enge zu treiben und ihnen eine verheerende Niederlage zuzufügen. Unter großen Verlusten zogen sich die Angreifer zurück. Der Sieg Mirzas verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der Region, auch in Shingal, dem zweiten großen Siedlungsgebiet der Êzîden, wurde Mirzas Sieg gefeiert. Aus dem 20-jährigen Waisen Mirza wurde ein Held. Osmanische Quellen berichten, dass Mirza später über rund 3.000 ausgebildete êzîdische Kämpfer befehligte. In der Region wurde er unter dem Namen Ezidi Mirza bekannt und berüchtigt.

Bereits im Alter von 25 wurde Mirza zum Oberhaupt der Gemeinde Baschiq und Bahzan ernannt. Er pflegte einen engen, brüderlichen Kontakt mit dem êzîdîschen Oberhaupt Mir Zaynal Javkhali. Als im Jahr 1623 der osmanisch-safawidische Krieg ausbrach und bis 1639 andauerte, gerieten die Êzîden zwischen die Fronten. Ezidi Mirza, der inzwischen als militärischer Oberbefehlshaber von allen Êzîden anerkannt wurde, wusste, dass die Êzîden diesen Krieg nur überleben könnten, wenn sie sich auf eine der beiden Seiten schlagen.

Die Entscheidung fiel jedoch nicht schwer. Seit ihrer Invasion hatten die Sawafiden abertausende Êzîden abgeschlachtet und nahmen viele gefangen. Keiner der Gefangenen, so erzählt es die Legende, kehrte je zurück. Zudem waren die Osmanen in der direkten Umgebung der Êzîden stationiert, ein Aufbegehren hätte direkt Angriffe zur Folge gehabt. Die Dörfer der Êzîden wären selbst zur Front geworden.

In den Berichten des osmanischen Chronisten Naima wird berichtet, dass Ezidi Mirza als Oberbefehlshaber von über 3000 êzîdischen Kämpfern von Sultan Murad IV. persönlich empfangen und anerkannt wurde. In dem osmanischen Bericht wird Ezidi Mirza für seinen heldenhaften Einsatz während der Schlacht um Bagdad zwischen den Safawiden und Osmanen heroisiert. Neben Ezidi Mirza war auch das weltliche Oberhaupt der Êzîden, Mir Zeynal Javkhali, als Kommandeur an der Schlacht beteiligt. Sechs weitere bedeutende êzîdische Oberhäupter schlossen sich Ezidi Mirza und ihrem Oberhaupt Mir Javkhali an.

Die Belagerung Bagdads

Die Truppen des osmanischen Sultan Murad IV. belagerten Bagdad, das noch unter der Kontrolle der Safawiden stand. Im Jahr 1639 begann dann der Großangriff. Während den Kämpfen konnten die êzîdischen Truppen unter Ezidi Mirza nicht nur ihre Stellung halten und verteidigen, sondern bis zum Lager eines safawidischen Befehlshabers vorrücken. Nach schweren und blutigen Kämpfen konnten die êzîdîschen Einheiten die Oberhand erringen und töteten den sawafidischen Befehlshaber. Nach diesem Etappensieg und der Demoralisierung der safawidischen Truppen entschied sich Ezidi Mirza weiter vorzurücken und den safawidischen Kommandeur Saru Khan anzugreifen.

Auch dieses Mal konnten die Êzîden ohne schwere Verluste einen wichtigen Sieg erkämpfen und den Befehlshaber töten. Die Erfolge Ezidi Mirzas blieben bei den Osmanen nicht unbemerkt. Die neue Macht und Akzeptanz des Ezidi Mirzas verhinderte fortan weitere Übergriffe der Osmanen, Kurden und Araber. Vor allem die Region Sheikhan erlebte eine Phase der Ruhe und Sicherheit.

Es kam nach dem Sieg der Osmanen deshalb zu einem Friedensvertrag zwischen den Êzîden und den Osmanen. Dieser währte jedoch nicht lange. Bereits im Jahr 1640 attackierten osmanische Truppen die Êzîden in Shingal. Einige Jahre zuvor gelang es den Êzîden in Shingal unter anderem den osmanischen Befehlshaber Nasuh Pascha zu besiegen und laut den Militärberichten des Evliya Çelebi über 7.000 osmanische Soldaten zu töten. Die Êzîden kontrollierten alle Handelswege in Shingal und der näheren Umgebung und waren unter den Muslimen gefürchtet. Sie weigerten sich ebenso, die von den Osmanen erhobenen Steuern zu zahlen und sich ihnen gänzlich zu unterwerfen. Die Êzîden attackierten auch ohne Furcht osmanische Güter-Kolonnen und plünderten diese.

Dies veranlasste den Gouverneur von Diyarbekir, Melek Ahmad Pascha, der für seine Êzîden-Feindlichkeit bekannt war, dazu mit 70.000 Soldaten Shingal zu belagern. Er forderte die Êzîden zur Rückgabe der gestohlenen Waren und zur Zahlung der fälligen Steuern auf. Die Êzîden beschlossen sich in die Berge zurückzuziehen und Widerstand zu leisten. Es kam zum Krieg. Trotz der Übermacht von 70.000 Soldaten mussten die Osmanen herbe Verluste hinnehmen, ehe sie die kampferprobten Êzîden im Gebirge bezwingen konnten.

Trotz dieser Umstände konnte Ezidi Mirza in der folgenden Dekade seine Macht festigen, Kontakte zu hohen osmanischen Beamte knüpfen und seine Truppenstärke weiter ausbauen. In dieser Machtposition hätte Ezidi Mirza sich die Macht des weltlichen Oberhauptes der Êzîden aneignen können. Doch er lehnte es ab, nach dieser Position zu trachten. Im Gegenteil erkannte er Mir Zeynal Javkhali als sein Oberhaupt an, beriet sich stets mit ihm und überließ ihm die Herrschaft über das êzîdîsche Fürstentum von Sheikhan, das bis heute besteht. Mit seinem Erfolg während der Belagerung von Bagdad und seiner Truppenstärke konnte Ezidi Mirza erreichen, dass es zu weniger Übergriffen auf die Êzîden durch die feindlichen Stämme der Umgebung kam.

Ernennung zum Gouverneur

Den Höhepunkt seiner Macht erreichte Ezidi Mirza im Jahr 1650. In diesem Jahr traf sich Mirza mit Kara Murad Pascha, dem Großwesir des osmanischen Sultans und zweitmächtigsten Mann im Osmanischen Reich. Mirza nutzte seine Macht und verlangte, zum Gouverneur von Mossul ernannt zu werden. Tatsächlich ernannten ihn die Osmanen zum Gouverneur von Mossul. Für seine militärische Leistung wurde Ezidi Mirza im Jahr 1650 zudem mit der Pascha-Würde ausgezeichnet. Es war die höchste Stellung, die ein Êzîde jemals innerhalb des Osmanischen Reiches innehatte.

Hinter Mirzas Machtstreben steckten jedoch laut êzîdischer Überlieferung vor allem auch persönliche Motive. Nachdem er zum Gouverneur von Mossul ernannt worden war, begann Ezidi Mirza Rache für seine zwei Brüder zu nehmen. Mirza ordnete zunächst an, den Bauernhof des Bauern zu zerstören, der ihn und seine Brüder an die osmanischen Soldaten ausgeliefert hatte. Doch der neue Gouverneur Mirza ging noch einen grausamen Schritt weiter: Er ordnete an, alle Nachfahren der osmanischen Soldaten und Wärter, die ihn und seine Brüder im Gefängnis misshandelt hatten, gefangen zu nehmen und zu ihm in sein Schloss zu bringen. Mirza konfrontierte sie mit den Geschehnissen in seiner Kindheit und ließ alle Angehörigen der osmanischen Soldaten und auch die der Wärter hinrichten.

In Mossul, am Fuße des Tigris, ließ Ezidi Mirza eine êzîdîsche Heiligenstätte restaurieren und eine Stätte zu Ehren des Heiligen Pir Qedibilban errichten. Mirza residierte fortan in seinem Schloss in Mossul.  Die Ruinen des Schlosses sind bis heute erhalten geblieben.

Während seiner kurzen Herrschaft genossen die Êzîden seltene Sicherheit und Schutz. Sie konnten ohne große Furcht vor Repressionen ihrer Arbeit sowie dem Handel nachgehen und bauten sich einen gewissen Wohlstand auf. Doch bereits ein Jahr später, als Kara Murad Pascha von seinem Amt abgesetzt wurde, verlor auch Ezidi Mirza wie die anderen Gouverneure sein Amt. Ezidi Mirza beschloss nach Istanbul zu gehen, um gegen seine Absetzung zu protestieren. Melek Ahmad Pascha, der für den großen Angriff auf Shingal verantwortlich war, wurde neuer Großwesir der Osmanen. Sein Hass auf die Êzîden blieb nach wie vor und so sorgte er dafür, dass Ezidi Mirza kein weiteres Amt zugesprochen wurde.

Als Mirza über die Hintergründe informiert wurde, begann er eine Rebellion gegen die Osmanen zu planen. Die übrigen Êzîden wussten von den Plänen Mirzas zu dieser Zeit nichts. Ezidi Mirza machte sich noch im selben Jahr, im Jahr 1651, mit 60 seiner Kämpfer auf den Rückweg in sein Heimatdorf, wo die Osmanen ihn bereits erwarteten und ihn zusammen mit seinen Männern in einen Hinterhalt lockten. Ezidi Mirza und seine Kämpfer wurden umstellt und angegriffen. Im Alter von 51 Jahren wurde Ezidi Mirza getötet. Evliya Çelebi berichtet, dass die osmanischen Soldaten Ezidi Mirzas Leiche enthaupteten und seinen Kopf am Tor des Topkapi-Palasts aufspießten.

Nachdem die Êzîden von der überraschenden Ermordung Ezidi Mirzas erfuhren, brach unter ihnen große Unsicherheit und Zorn aus.Auch die Êzîden aus Sheikhan weigerten sich nun, den Osmanen weiterhin Steuern zu zahlen und setzten Ezidi Mirzas geplanten Aufstand fort. Das veranlasste die Osmanen, darunter Melek Ahmad Pascha, erneut dazu, die Êzîden anzugreifen.

Doch die êzîdîschen Kämpfer Ezidi Mirzas waren bestens vorbereitet. Das Kommando übernahm nun das êzîdîsche Oberhaupt Imadin Hakkari. Hakkari wurde von Mir Zeynal Javkhali und tausenden seiner Kämpfer unterstützt. Der êzîdîsche Kampftrupp umfasste etwa 6.000 ausgebildete und gut gerüstete Kämpfer. Die Osmanen setzten wie so oft auf ihre zahlenmäßige Überlegenheit und bewegten ihre Truppen gen Sheikhan. Die Osmanen wurden zudem von kurdischen Fürsten und Stämmen unterstützt, die seit jeher nach dem Leben der Êzîden in Sheikhan trachteten und die Eltern Ezidi Mirzas töteten. Imadin Hakkari beschloss den Osmanen und Kurden zuvorzukommen und Rache für Ezidi Mirza zu nehmen. Unter dem Kommando Hakkaris konnten nicht nur die osmanisch-kurdische Allianz geschlagen, sondern auch große Gebiete wie die kurdische Region Bervari erobert werden. Aus Diyarbekir aus beorderten die Osmanen weitere Truppen in die Region und drängten die Êzîden zurück. Die Êzîden fügten den Osmanen aber derart große Verluste zu, dass die Osmanen sich für Friedensgespräche entschieden.

In den darauffolgenden Jahrhunderten folgten unzählige weitere Angriffe und Vernichtungsfeldzüge gegen die Êzîden. Zu alter Stärke unter Ezidi Mirza fanden die Êzîden nie zurück. Die Errungenschaften Mirzas aber leben bis heute in den Gedichten, Liedern und Erzählungen weiter. Für die Êzîden ist er ein Held, nach dessen Schutz sie sich heute sehnen. Ihm zu Ehren wurde im Jahr 2006 in Baschiq eine Statue errichtet, die von der Terrormiliz „Islamischer Staat“ nach der Eroberung Baschiqs zerstört wurde.

Seit dem Völkermord der Terrormiliz IS an den Êzîden in Shingal haben die Êzîden eigene Kampfeinheiten gegründet, um sich zu verteidigen. In ihren Liedern und Kampfparolen findet Ezidi Mirza als Vorbild seinen Platz. Sie führen ihren Überlebenswillen auf Ezidi Mirza und seine Kämpfer zurück. Die Kämpfer der Widerstandseinheit Shingals (YBŞ) etwa bezeichnen sich als die „Enkel Ezidi Mirzas“.

© ÊzîdîPress, 01. Oktober 2016

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