Published On: So, Feb 26th, 2017

IS-Völkermord: Sunnitischer Metweti-Stammesführer pocht auf Rückkehr nach Shingal

Sheikh Kasim Al-Metweti, Stammesführer des Metweti-Clans

Sheikh Kasim Al-Metweti, Stammesführer des Metweti-Clans


Shingal. Seit dem Völkermord der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) in der nordirakischen Region Shingal hat die êzîdîsche Gesellschaft bereits viel über sich ergehen lassen müssen. Von der Leugnung des Völkermordes, über politische Machtkämpfe auf Kosten der Zukunft der Êzîden im Irak bis hin zu Strafsanktionen gegen êzîdîsche Flüchtlinge, wird jede Ebene bedient, die sich zur Benachteiligung und Verunglimpfung eignet. Dass es allerdings noch dreister zur Sache gehen kann, beweist jetzt ein Statement des Stammesführers Sheikh Kasim Al-Metweti. Al-Metweti ist der Stammesführer des gleichnamigen sunnitisch-arabischen Großclans der Mitweti, der in der gesamten Ninawa-Region und vor allem auch in Shingal vertreten ist.

Gegenüber der PDK-nahen kurdischen Plattform „BasNews“ äußerte sich Sheikh Al-Metweti nun zu den jüngsten Ereignissen in der Region. Al-Metweti bedankte sich für die „Befreiung durch die Brüder der kurdischen Peshmerga in der Ninawa-Region vom IS“ und sagte, man „unterstütze eine Unabhängigkeit der Autonomen Region Kurdistans“. Al-Metweti erwähnte zudem die „sehr guten Beziehungen“, die sein Stamm zur Region Kurdistan pflege und rief Präsident Barzani dazu auf, die arabischen Stämme in Shingal zusammenzubringen sowie die „Harmonie“ zwischen den arabischen und êzîdîschen Stämmen wiederherzustellen. Das Ziel ist, mit Hilfe der kurdischen PDK-Regierung eine Rückkehr des Mitweti-Stammes nach Shingal zu ermöglichen. Eine solche Rückkehr sunnitischer Stämme deutete Barzani in der Vergangenheit, entgegen dem Wunsch der Êzîden, bereits mehrfach an.

Jamal Jassim Ali Saleh Mitweti schloss sich in Shingal der IS-Terrormiliz an

Jamal Jassim Ali Saleh Mitweti schloss sich in Shingal der IS-Terrormiliz an

Das Problem: Kaum ein anderer Stamm in der Ninawa-Region war loyaler zur IS-Terrormiliz als der Stamm der Mitweti selbst. In Shingal beteiligte sich ein Großteil des Mitweti-Stammes am Völkermord an den Êzîden. Mitglieder des Stammes waren an hunderten Morden, an den Entführungen und Versklavungen tausender ÊzîdInnen beteiligt. Vielfach übernahmen Mitweti-Mitglieder führende Positionen innerhalb des IS in der Region und ordneten Exekutionen sowie Versklavungen an. Die Nachbarn der Êzîden wurden über Nacht zu IS-Terroristen, zu treuen Gefährten des selbsternannten Kalifen, die die Gunst der Stunde nutzten, um sich an den „ungläubigen“ Êzîden zu vergehen. Dass der Mitweti-Stamm eine führende Rolle beim Völkermord an den Êzîden einnahm, können zahlreiche Zeugen belegen. Aber auch etwa schiitische Überlebende, denen zufolge „vor allem der Stamm der Mitweti brutal gegen die Êzîden vorging“ und selbst „Kinder im Alter von fünf Jahren tötete“. Êzîdîsche Augenzeugen sagten mehrfach aus, dass sich der absolute Großteil der Mitweti in Shingal dem IS angeschlossen und am Völkermord an den Êzîden aktiv mitgewirkt habe. Die Mitweti sperrten den êzîdîschen Flüchtlingen unter anderem den Weg in das Gebirge ab, wo viele sich vor den Schergen des IS in Sicherheit brachten.

Hammadi Abdulaziz Mitweti schloss sich in Shingal der IS-Terrormiliz an

Hammadi Abdulaziz Mitweti schloss sich in Shingal der IS-Terrormiliz an

Einige Beispiele: Kahlan Obeidi Jasem Al-Mitweti, ebenfalls Stammesführer der Mitweti, war nachweislich für die Versklavung mehrerer hunderte Êzîdînnen verantwortlich. Im April 2015 wurde er unter unklaren Umständen ermordet. Faiz Al-Mitweti, ein Angestellter des städtischen Krankenhauses, verriet die Identitäten sowie Verstecke zahlreicher Êzîden, die daraufhin getötet wurden. Ahmed Rashid Saleh Al-Mitweti schloss sich als Kämpfer der Terrormiliz IS an und wurde von êzîdîschen Widerstandskämpfern während eines Gefechts getötet und identifiziert. Am 24. Oktober 2014 töteten Einheiten der YPG und HPG in Shingal einen hochrangigen IS-Militär, der ebenfalls zum Stamm der Mitweti gehörte. Hammadi Abdulaziz Al-Mitweti, sein Sohn sowie sein Bruder schlossen sich als Kämpfer dem IS an. Später tauchten Bilder auf, auf denen die erwähnten Personen als IS-Kämpfer bewaffnet in Uniform posierten. Selbes gilt für die Brüder Jamal Jassim Ali Saleh Mitweti und Suhaib Jassem Mitweti, die vor einer IS-Flagge posierten und von Êzîden identifiziert werden konnten. Zahlreiche weitere Namen von Mitgliedern des Metweti-Stammes, die dem IS beitraten und Êzîden ermordeten, sie versklavten und misshandelten, sind bekannt und werden auf Listen geführt.

Nach Angaben des êzîdîschen Oberkommandanten Heydar Shesho haben sich über 80% des Stammes am Völkermord an den Êzîden beteiligt. Kasim Shesho, êzîdîscher Peshmerga-Kommandant, schwörte noch im August 2014 Rache an den Mitwetis. Sheikh Al-Mitweti erklärte, man habe jene Personen des Stammes, die mit dem IS kollaborierten, zusammen mit ihren Familien aus dem Stamm ausgestoßen. Kein Wort der Entschuldigung, kein Wort der Reue. Dass der Stamm auf einen Großteil seiner Mitglieder verzichtet, und damit in einer umkämpften Region an Macht und Einfluss in der Ninawa-Region einbüßt, darf bezweifelt werden. Im Rahmen der Bewaffnung von rund 2.000 arabischen Sunniten in den Reihen der Peshmerga sollen in Zukunft auch Mitglieder der Mitweti ironischerweise für die Sicherheit der Êzîden in Shingal und Christen in Ninawa sorgen. Dass das Vertrauen der Êzîden zu den Sunniten in Shingal irreversibel verloren gegangen ist, scheint im Wirrwarr der politischen Kämpfe niemanden zu interessieren. Und wie so üblich, darf am Ende auch nicht fehlen, dass Sheikh Al-Metweti die Anwesenheit der PKK in Shingal kritisiert und ihren Rückzug fordert. Es lässt sich eben besser morden, wenn sich niemand dem Blutrausch entgegenstellen kann.

© ÊzîdîPress, 26. Februar 2017

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