Published On: Sa, Aug 30th, 2014

»Wer schweigt, stimmt zu!«

Der IS-Terror im Nord-Irak, das Leiden der Minderheiten
und die Reaktion der Muslime
Flüchtlinge aus Shingal

Flüchtlingsdrama in Shingal

Im heiligen Koran heißt es in Sure 2: »Es gibt keinen Zwang in der Religion.« Die Milizen des ›Islamischen Staates‹ aber zwingen im Nord-Irak Christen, Turkmenen und Yeziden, den Islam anzunehmen. Tun sie dies nicht, drohen ihnen die selbsternannten Gotteskrieger mit dem Tod. Diese Situation ist in zweierlei Hinsicht problematisch: Erstens wird der Islam politisch instrumentalisiert und für die Rechtfertigung grausamer Verbrechen an unschuldige Menschen herangezogen. Gläubige Muslime werden vom ›Islamischen Staat‹ in ihrer Menschenwürde und ihren religiösen Gefühlen zutiefst verletzt. Der Islam gilt in der öffentlichen Wahrnehmung zunehmend als »Religion des Krieges, des Mordens und der Vernichtung von Andersdenkenden«. Zweitens sterben heute zu Tausenden Christen, Turkmenen und Yeziden durch den Terror des ›Islamischen Staates‹. Frauen werden in Kerkern vergewaltigt und auf öffentlichen Märkten zum Verkauf für wenige Dollar zur Schau gestellt. Zu Hunderttausenden fliehen Menschen aus ihren Dörfern. Sie werden wohl für immer Heimatlose sein. Der Nahe Osten, die Wiege der menschlichen Zivilisation mit ihren Jahrtausende alten Religionen und Kulturen, wird heute ›ethnisch gesäubert‹. Der Plan der Terrormilizen ist es, die Bevölkerung zu ›bereinigen‹, sie ›rein zu waschen‹ von ›heidnischem Götzendienst‹ und der ›Verehrung des Teufels‹. Doch wie sieht die Situation in Deutschland aus, einem Land, in dem mehr als 200.000 orientalische Christen, Yeziden und Angehörige anderer bedrohter Minderheiten des Nahen Ostens leben und zugleich über 3 Millionen Muslime ihre Nachbarn stellen?

Flüchtlingskinder im Nord-Irak

Flüchtlingskinder im Nord-Irak

 

Muslime in Deutschland: Schweigen statt Solidarität

Seit dem 2. August, dem Einmarsch der IS-Milizen in den bis dahin weitestgehend sicheren Nord-Irak, protestieren Christen und Yeziden beinahe jeden Tag auf unseren Straßen. Sie halten Mahnwachen ab, sammeln Spenden und Hilfsgüter, organisieren Benefiz-Veranstaltungen und wollen nicht mehr, als auf die dramatische Lage ihrer Angehörigen in den Krisenregionen aufmerksam machen. Und die Vertreter der Muslime in Deutschland? – Sie sind damit beschäftigt, in Talk-Shows immer wieder mit Nachdruck darauf hinzuweisen, dass dieser Schrecken im Namen Gottes nicht »der Islam sei«, dass »Islam doch Frieden, und nicht Terror bedeute«. Nun, das wissen wir alle. Doch warum reagieren wir erst, wenn die Frage im Raum steht, ob der Islam nicht selbst Schuld an dieser humanitären Katastrophe sei, ob nicht der Koran die legitimatorische Grundlage für einen solchen Völkermord stellt. Dass dies natürlich nicht der Fall ist, wissen Christen und Yeziden besser als viele andere selbsternannte Nahost-Experten: Über Generationen hinweg lebte man in Dörfern friedlich zusammen, schloss Blutsbrüderschaften und pflegte eine freundschaftliche Nachbarschaft. Warum also melden sich muslimische Vertreter erst dann zu Wort, wenn die Frage diskutiert wird, ob die Gräueltaten der IS ihre Ursachen im Islam haben? Warum protestieren muslimische Verbände nur dann lautstark, wenn ein solcher Vorwurf im Raum steht, um anschließend, wenn weitere Opfer der IS bekannt werden, wieder still zu sein. Was die bedrohten Menschen im Nord-Irak jetzt brauchen, ist keine Verteidigungsrede, die uns erklärt, »dass diese Schreckenstaten nicht der Islam seien«. Die Menschen brauchen vielmehr die Solidarität der Muslime mit den Opfern der IS-Verbrechen, mit den Tausenden enthaupteten, lebendig begrabenen und zutiefst gequälten und gepeinigten Menschen im Nord-Irak. Die Menschen brauchen die Solidarität der Muslime mit den über 300.000 sich weiterhin auf der Flucht befindenden Christen und Yeziden. Diese Menschen kämpfen noch immer um ihr Leben – ohne Wasser und ohne Nahrungsmittel.

Christen, Yeziden und Muslime: Gemeinsame Opfer des IS-Terrors

Die Forderung an moderate Muslime sollte daher lauten, dass sie in ihren Gotteshäusern Geld- und Sachspenden für die Flüchtlinge im Nord-Irak sammeln, dass sie ihre Solidarität nicht mehr nur auf muslimische Palästinenser beschränken und dass sie sich von nun an auch an Demonstrationen der Christen und Yeziden beteiligen. Muslime sollten ehrlich und aufrichtig zeigen, dass dieser Schrecken im Nord-Irak natürlich nicht der Islam ist. Ein solches ehrwürdiges Handeln käme nicht nur den notleidenden Menschen im Nord-Irak zu Gute, sondern ebenso der Mehrheit der Muslime, die in diesen Tagen von den Verbrechen der IS ebenso in ihrer religiösen Würde verletzt wird wie die verfolgten Christen, Yeziden und anderen Minderheiten in Nahost. Die Solidarität der Christen und Yeziden jedenfalls gilt auch ihnen, denn – und das sollte uns allen klar sein – wir sitzen im gleichen Boot. Bleibt aber das Schweigen unserer muslimischen Schwestern und Brüder, bleibt die fehlende Solidarität auf Demonstrationen und Benefiz-Veranstaltungen, so festigt sich das Bild, das viele Menschen heute schon im Kopf haben: »Die ›IS‹ handelt im Sinne des Islams.« – ein Bild, das wir alle nicht an der Wand hängen sehen wollen, Christen und Yeziden ebenso wie Muslime.

êzîdîPress, 30. Aug. 2014

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