Published On: Sa, Mrz 8th, 2014

Zum Internationalen Frauentag
Ein Plädoyer für die Rückbesinnung auf ur-êzîdîsche Werte

Collage einflussreicher êzîdîscher Frauen der Vergangenheit und Gegenwart

Collage einflussreicher êzîdîscher Frauen

Jährlich gedenkt die Weltgemeinschaft am 8. März dem Internationalen Frauentag. In der Zeit des Ersten Weltkriegs im Kampf um Gleichberechtigung und das Wahlrecht für Frauen von der deutschen Sozialistin Clara Zetkin auf der Zweiten Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz erstmals vorgeschlagen, genießt dieser Tag heute in beinahe allen Kulturen und Völkern dieser Welt besondere Achtung. So haben ihn die Vereinten Nationen später als Tag für „die Rechte der Frau und den Weltfrieden“ auserkoren. Heute strömen zu Tausenden Frauen, Feministinnen und Feministen, Politikerinnen und Politiker, Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter, verschiedene Soziale Bewegungen und Sympathisantinnen und Sympathisanten auf die Straßen, um dem leidenschaftlichen Kampf gegen die Jahrtausende währende Unterdrückung und Ausbeutung der Frau zu erinnern.

Auch die êzîdîsche Gesellschaft sieht sich angesichts erschütternder Nachrichten von sog. „Ehrenmorden“ und „Zwangsheirat“ in ihren Reihen einer andauernden Kritik von einer Vielzahl gesellschaftlich einflussreicher Akteure ausgesetzt. Doch sind diese Taten, wie der Zentralrat der Yeziden in Deutschland unmissverständlich postulierte, keineswegs mit der religiösen Lehre des Êzîdentums vereinbar. Wie kommt es dann, dass wir dennoch von solchen Schreckens- und Gräueltaten – denn als nichts anderes sind diese zu bewerten – hören? So gilt es im Folgenden den Hintergrund solcher Taten zu rekonstruieren, vor welchem diese stattfinden und scheinbar religiös legitimiert werden.

Die êzîdîsche Glaubensgemeinschaft bildete in ihren Ursprüngen eine matriarchalisch strukturierte Gesellschaft des polykulturellen Mesopotamiens, in welcher der Frau als Symbolfigur der Schöpfung eine besondere Bedeutung zukam. Als die „Leben spendende“ wurde sie verehrt. So führte beispielsweise von 1895 bis 1956 eine Frau, Meyan Xatûn, als weltliches Oberhaupt des Êzîdentums, de facto 61 Jahre lang Religion und Leben dieser antiken, vorchristlichen Religion in einer vom orthodoxen Islam dominierten Sozialisation des Nahen und Mittleren Ostens. Weibliche Heilige sind in der êzîdîschen Religion keine Seltenheit und auf allen Ebenen des gesellschaftlichen, religiösen Lebens anzutreffen. Schon im 13. Jahrhundert haben weibliche Heilige der Êzîden an der Geschichte und der religiösen Philosophie der Êzîden ihren maßgeblichen Anteil geleistet. Und auch heute leistet die êzîdîsche Frau in Vereinen und anderen Institutionen eine wichtige Arbeit.

Êzîdîsche Mädchen in traditioneller êzîdîscher Tracht

Êzîdîsche Mädchen in traditioneller êzîdîscher Tracht

Gleichwohl sehen sich auch die Êzîden, wie alle Kulturen dieser Welt, einem erdrückenden, ja erschlagenden Patriarchat ausgesetzt, der Vorherrschaft des Mannes in allen gesellschaftlichen und privaten Bereichen des Lebens. Mit Aufkommen der Klassengesellschaft in Form einer Sklavenhaltergesellschaft im alten Sumer und seiner Transformation von der Feudalgesellschaft bis hin zum modernen Kapitalismus globaler Ausmaße zementierten sich Bedingungen und Strukturen, in welchen die Frau zum erniedrigten, entmündigten und geknechteten Wesen des Mannes mutierte. Dass dabei auch der Mann in seiner ihm gesellschaftlich zugesprochenen Rolle eines grundständig machoiden Wesens und Patriarchats der Familie, der Sippe oder des Clans in einer repressiven Rolle verharrt, hat die moderne Geschlechterforschung eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Mit Aufkommen der abrahamitischen Religionen im multilingualen, multireligiösen und polykulturellen Mesopotamien setzte ein historischer Assimilierungs- und Normierungsprozess ein, der die Figur des „Anderen“, so auch das antike Êzîdentum, verwarf, ihm sein Sitten- und Moralcodex, sein Patriarchat, aufzwang.

Diesem kulturellen Sittencodex gemäß geschehen in der êzîdîschen Gesellschaft Taten, die in keinster Weise mit der Theologie des Êzîdentums vereinbar sind.

„Jin jiyan e. Jiyan jin e.“, zu Deutsch „Die Frau ist das Leben. Das Leben ist die Frau.“, heißt es in einem alten Aphorismus des Kurdischen.

Lasst uns demgemäß gemeinsam die Ketten des Patriarchats sprengen, die Assimilierung der antiken Kulturen Mesopotamiens, so der Aramäer, der Armenier, der Aleviten, der Chaldäer, der Êzîden und aller anderen marginalisierten Gruppen beendigen, den Kapitalismus überwinden und für eine demokratische, soziale und geschlechtergerechte Gesellschaft kämpfen.

Dazu gilt es nicht, hegemoniale, eurozentristische Konzepte des „weißen Mannes“ zu übernehmen, sondern sich auf egalitäre Kulturformen des antiken Mesopotamiens zurück zu besinnen: das Ur-Êzîdentum.

Wir wünschen allen entrechteten und ausgebeuteten Frauen dieser Welt Kraft und Zuversicht, ihren couragierten Kampf um Geschlechterbefreiung und eine solidarische und gerechte Gesellschaft weiter zu führen. Möge ihr heldenhaftes Eintreten für Frauen- und Menschenrechte auch andere inspirieren, für die Rechte der Massen einzutreten und gegen die sozial vernichtenden Rezepte einer Internationalen Besitzerklasse zu opponieren.

êzîdîPress, 08.03.2014

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